Swinging Hamburg

Jazz aus Hamburg und Umgebung:



Swing Kids oder Swing Heinis in Hamburg

Opposition der Jugendlichen im 3. Reich


In den späten 30-ern gab es eine neue Bewegung unter den Jugendlichen in Hamburg. Die Anhänger weigerten sich, der Nazi-Organisation Hitlerjugend - auch als HJ bekannt - beizutreten. Sie trugen relativ lange Haare, waren - trotz Verbots - begeistert von amerikanischen Filmen, britischer Mode and Swing Musik, und sie nannten sich Swing Kids oder Swing-Heinis. Sie waren auch eine Form der jugendlichen Opposition.

Die Swing Kids stammten überwiegend aus der Oberschicht Hamburgs und hoben sich von der Hitlerjugend nicht durch ihre Frisur, Kleidung und Musik ab, sondern auch in ihrer Einstellung zum Ausland. Sie lasen ausländische Zeitungen, hörten amerikanische und britische (nach Meinung der Nazis entartetete) Musik und standen so klar im Widerspruch zu den völkisch-rassischen Vorstellungen des Nationalsozialismus.

Die Swing Kids kamen aus den bessergestellten Schichten, weil sie durch gute Kontakte ins Ausland leichter Zugang hatten zum Lebensstil und zur Musik anderer Nationen. Später versuchten auch Jugendliche aus der Arbeiterschicht, die Musik und den Lebensstil zu übernehmen. Sie trafen sich natürlich aber in anderen Clubs. Die Swing Kids wurden nicht nur von der Hitlerjugend sondern besonders auch von der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) verfolgt. Man verhaftete sie unter dem Vorwand, sie in Schutzhaft zu nehmen, oder wegen anti-deutschem Verhalten. Auch zum sofortigen Frontdienst wurden die Swing Kids herangezogen, ja sogar in Konzentrationslager gesteckt. Doch alle Maßnahmen konnten die Swing Kids nur schwächen, aber nicht beseitigen.

Die Garderobe der Swing Kids unterschied sich erheblich von der "Uniform" der Hitlerjugend: Sie trugen entweder zweireihige lange Jacketts oder Anzüge aus grauem Flannell sowie Mäntel, ebenfalls aus feinem Flannellstoff. Dazu banden sie sich Krawatten mit möglichst kleinen Knoten um und trugen einen Hut. Vor allem teure Schuhe mit Kreppsohlen waren sehr beliebt. Außerdem ließen sich die Jungen die Haare bis über den Kragen wachsen.

Ein weiteres Merkmal war, dass die Swing Kids immer Regenschirme bei sich hatten. Dabei war es egal, ob es regnete oder die Sonne schien, benutzt wurden die Schirme eigentlich nie. Selbst die Mädchen trugen Hüte, die mit glatten runden Krempen ausgestattet waren, unter denen ihre lang wallenden Haare hervorschauten. Viele der Mädchen trugen einen Faltenrock, hauchdünne reinseidene Strümpfe oder auch Kniestrümpfe aus blauer Wolle mit beigen Schuhen. Sie schminkten sich gerne und bevorzugten zyklamfarbenen Lippenstift.

Weil die Swing Kids bei Sonnenschein Regenschirme und die Mädchen Hosen trugen, waren sie leicht zu erkennen, und so kam es, dass sie von der Hitlerjugend-Dienststelle oder Polizeiwache festgehalten wurden. Zu dieser Kleidung kam auch eine bestimmte Körperhaltung und Art zu gehen. Sie gingen nämlich in kleinen, swingenden Schritten und leicht vorn übergebeugt. Sie geben sich lässig und unkonventionell und entsprechen damit so gar nicht dem Ideal der Nationalsozialisten.

Die Swing Kids treffen sich, um in ihren Verstecken ihrer Liebe zur amerikanischen Swingmusik nachzugehen. Die Musik, die in den 20er- und 30-er-Jahren als sogenannnte Jazzmusik aus den USA nach Deutschland kam, faszinierte mit ihrer Spontaneität und ihrem Rhythmus vor allem die jungen Menschen in Deutschland, die nicht bereit waren, sich die Musik (Heimatmusik und Märsche) vorschreiben zu lassen. So hatte der Jazz, besonders aber der Swing, einen hohen symbolischen Wert einer gewissen Aufsässigkeit der Jugend, ähnlich dem der Rockmusik in den 50-ern.

Die wilden Tanzbewegungen und die amerikanische Musik der Swing Kids machten die Nazis rasend. Da außerdem viele Swingmusikern afro-amerikanischer oder sogar jüdischer Abstammung waren, versuchte man den Jazz und damit auch den Swing als "Kampfmittel des Judentums und des Amerikanismus" zu brandmarken. So wurde 1930 ein erstes Jazzverbot erlassen, ab Spätsommer 1933 war Jazz auch in Jugendherbergen verboten und 1935 sprach der Reichssendeleiter ein "Verbot des Nigger-Jazz" im deutschen Rundfunk aus.

(01.01.2001)


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